Die depressive Episode

Ich ging nach längerer Krankheit zur Psychiaterin. Das allererste Mal bei so einer Ärztin. Beklommenheit machte sich breit. „Was da wohl abgeht?“ Ich kam mir an dem Tag vor als stünde:“ Psychisch krank“ auf meiner Stirn. Bloß nicht auffallen auf dem Weg, Dirk, bleib ganz normal. Ich komme in der Praxis an. Die Helferin, älteres Baujahr, mit Brille auf der Nase, lugte dahinter hervor und sah mich an. „Bornemann“ sagte ich, ich habe einen Termin.

„Ach ja Herr Bornemann, dann setzen Sie sich bitte noch kurz, die Ärztin hat gleich für Sie Zeit. Und füllen Sie bitte dieses Formular aus!“

Sie drückte mir einen Din A 4 zettel in die Hand. Ich setzte mich im Wartezimmer. Es war leer, außer mir niemand da. Erstmal Durchatmen. Ich las mir den Zettel durch: Wahnsinn was da alles gefragt wurde. Kurzform: Wie fühlen Sie sich, schlafen sie noch oder grübeln sie schon? Und wie steht es mit Ihren Selbstmordgedanken? Diese und andere offensichtlich wissenswerte Sachen galt es zu beschreiben.

Nun ja, ich gab mir Mühe, alles wahrheitsgemäß zu beantworten. Ich malte mir die schrecklichste Bilder aus, nachdem ich den Zettel durch hatte. Glücklicherweise wurde ich kurz darauf schon zur Ärztin gerufen. Leicht schüchtern trat ich in Ihr Sprechzimmer. Zu meiner Überraschung empfing sie mich sehr freundlich, mit ruhiger Stimme sprechend.

Dann kam der Moment, wo ich endlich meinen ganzen Ballast loswurde. All die Gedanken, die man sich gemacht hatte, und bei denen man sich auf der Stelle drehte. Die körperlichen Beschwerden, welche die ganze Geschichte mit sich brachte. Ich packte aus sozusagen. Der Frust, die Enttäuschung, die Verzweifelung der letzten Monate. Alles kam auf den Tisch. Ich merkte wie sich meine körperliche Anspannung der letzten Monate löste. Es war Klasse!

Sie saß nur da und hörte zu… Ich glaube das ist auch so ein Problem unserer Zeit: Jeder ist mit sich selbst beschäftigt und niemand hört dir wirklich zu.

Als ich fertig war offenbarte Sie mir das Ergebnis des Fragebogens, den sie zwischendurch überflogen hatte.

„Wenn ich das so lese haben Sie eine mittelschwere depressive Episode, Herr Bornemann“

Bums, das Ding hatte gesessen! Hallo? Ich? eine depressive Episode? Und was ist das überhaupt und wieso hab ich das nicht gemerkt? Ok, ich merkte die letzte Zeit, das einiges im Argen war, aber so etwas? Das kommt ja gleich nach Depression, dachte ich. Und ich soll depressiv sein? Das hatte ich mir immer ganz anders vorgestellt. Gemerkt habe ich es auf jeden Fall nicht wirklich.

„Ja wenn ich mir ansehe, was sie alles angekreuzt, bzw. aufgeschrieben haben….“

Ach du liebe Zeit dachte ich, das war es dann wohl. Leben zu ende, Deckel drauf und fertig!

Oder einfach ab in den Urlaub, wenn man die Kohle gehabt hätte.

 
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